Geschäftsbericht 2018

Marktspiegel

Nachdem das Jahr 2018 bis in das vierte Quartal beinahe ideale Bedingungen für Feintool bot, flaute die Dynamik in der wichtigsten Abnehmerindustrie Automobil zum Jahresende merklich ab. Trotzdem hat Feintool seine ambitionierten Ziele erneut erreicht und 2018 wesentliche Weichen gestellt, um auch in den folgenden Jahren erfolgreich in einem sich weiter verändernden Marktumfeld zu agieren.

In den letzten Monaten des Jahres 2018 hat sich das globale Wirtschaftswachstum abgeschwächt. Nachdem die Konjunktur im Jahresverlauf bis dahin stärker als diverse Prognosen gestiegen ist, befindet sich das Gesamtjahr mit 3.7 Prozent Wachstum nach OECD aber dennoch im Rahmen der Erwartungen. Für 2019 erwartet die OECD, nach diversen positiven Signalen zum Jahresende, ein zwar leicht reduziertes, aber dennoch sehr solides Weltwirtschaftswachstum von immer noch 3.5 Prozent.

Der Umsatz in Feintools grösster Kundengruppe, die Automobilindustrie, ist im letzten Quartal 2018 ins Stocken geraten. Der Marktforschungsagentur LMC Automotive zufolge hat die weltweite Produktion von Automobilen 2018 im Vergleich zum Vorjahr um -0.5 Prozent abgenommen, während sie 2017 noch um 2.2 Prozent gewachsen war. Dass dies ein Effekt aus dem vierten Quartal 2018 ist, sieht man deutlich an der Tatsache, dass dasselbe Marktforschungsinstitut drei Monate zuvor noch von einem Wachstum 2018 von 1.1 Prozent ausgegangen war.

Im Feintool-Kernmarkt Europa legte die Produktion noch schwach um 0.2 Prozent zu, während Asien die Summe um -1.1 Prozent Produktionsvolumen verloren hat. Nordamerika hat nach einem schwachen Vorjahr den Produktionsrückgang abgebremst und ist nur noch um -0.2 Prozent geschrumpft (Vorjahr: -4.2 Prozent). Feintool konnte auch unter diesen massiv erschwerten Bedingungen weiterhin Marktanteile gewinnen und weiterwachsen. Die spezifischen, von Feintool abgedeckten Trends in der Automobilindustrie hin zu Premium-Fahrzeugen, Automatikgetrieben (auch im Hinblick auf autonome Funktionen, welche eine Automatisierung des Getriebes bedingen) und elektrifizierten (insbesondere Hybrid-)Antrieben trugen vermehrt dazu bei. Zudem besteht nach wie vor ein starker Trend hin zu SUV, insbesondere in den USA, wo beispielsweise Ford die Einstellung der Produktion von normalen Pkw (insbesondere Limousinen) zugunsten von SUVs und Pick-up Trucks angekündigt hat.

Neuer Prüfzyklus WLTP und politische Unsicherheit

Insbesondere der europäische Markt wurde zum Jahresende 2018 massgeblich von der Einführung des neuen Verbrauchs- und Emissionstestzyklus WLTP beeinflusst. Zum einen wurden durch den Gesetzeswechsel Fahrzeuge, die nach alter Norm zertifiziert waren, vermehrt noch vor dem Stichtag 1. September 2018 in den Markt gebracht, was eine unmittelbar abfallende Nachfrage nach dem Stichtag zur Folge hatte. Zum anderen hatten viele der Fahrzeughersteller zum Stichtag erst einen Teil des Produktportfolios nach dem neuen WLTP-Zyklus zertifizieren können, was zu einer Verknappung des Angebots, insbesondere einer Reduzierung der Angebotsvielfalt und verlängerten Lieferzeiten, geführt hat. Hinzu kam eine weiter wachsende Unsicherheit bezüglich Dieselfahrverboten im grössten europäischen Markt Deutschland ebenso wie eine Unsicherheit bezüglich der wirtschaftlichen Auswirkungen des bevorstehenden Brexit sowie die politische Unsicherheit bezüglich des Handelsgebarens seitens der USA und China. Nichtsdestotrotz soll 2019 wieder ein gutes Jahr für die Automobilindustrie werden. Es wird angenommen, dass die WLTP-Einführung ausgeglichen wird. LMC Automotive sagt einen Anstieg des globalen Produktionsvolumens um 1.0 Prozent voraus, getrieben durch einen weiterhin im Ganzen positiven europäischen, aber insbesondere wieder an Fahrt gewinnenden asiatischen Markt.

Gleichzeitig wird der Umbruch in der Automobilbranche auch 2019 weiter an Fahrt gewinnen. So wird zum Beispiel die Quote der elektrifizierten Fahrzeuge, also der Hybrid- und Elektrofahrzeuge, in der globalen Jahresproduktion 2019 mehr als 8 Prozent erreichen, das entspricht einem Plus von rund 3 Prozentpunkten gegenüber dem Wert von 2018.

Alternative Antriebe

2019 wird für die Autoindustrie ein Schlüsseljahr hinsichtlich der Elektrifizierung. Zahlreiche neue Modelle kommen in diesem Jahr auf den Markt, wobei insbesondere der Volkswagen-Konzern eine erste Welle von Markteinführungen vorantreibt (mit z. B. dem Audi e-tron, dem Porsche Taycan oder dem VW I.D. Neo). Für Tesla stellt 2019 das erste volle Produktionsjahr des Modells 3 dar. Mit dem wesentlich erweiterten Angebot an reinen E-Fahrzeugen und zusätzlich einer Vielzahl an neuen Plug-in-Hybrid-Modellen wird sich zeigen, wie gut der Kunde und damit der Markt diese alternativen Antriebe nun tatsächlich annimmt. Zwar ist die Ladeinfra­struktur nach wie vor eher schwach ausgebaut: Nach Angabe der „Nationalen Plattform Mobilität“ braucht Deutschland circa 70 000 öffentliche Ladepunkte, Mitte 2018 waren aber erst circa 5 000 öffentliche Ladesäulen mit 20 000 Anschlüssen vorhanden. Allerdings erlauben die allermeisten Fahrprofile (die durchschnittliche Fahrleistung eines Pkw in Deutschland beträgt weniger als 40 km/Tag) ein Laden zu Hause über Nacht und/oder an der Arbeitsstelle.

Auch was die längerfristige Zukunft der Antriebstechnologien angeht, steht die Industrie nicht still. Mittlerweile, das haben Fachvorträge etwa beim CTI Symposium in Berlin 2018 gezeigt, geht die Automobilindustrie von einem differenzierten Bild eines zukünftigen Technologiemix aus. Zwar drücken batterieelektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride die Flottenemission der auf den Markt gebrachten Fahrzeuge. Allerdings reicht dies allein nicht aus, um die politisch und gesellschaftlich anerkannten CO2-Emissionsziele, zum Beispiel im Rahmen des Pariser Klimaabkommens, zu erreichen. Je nach Anwendungsfall und unter Berücksichtigung der Gesamtenergiebilanz (Cradle-to-Grave und Well-to-Wheel) kristallisieren sich daher unterschiedliche alternative Antriebsarten als die perspektivisch effektivsten und effizientesten heraus.

  • Batterieelektrische Antriebe machen am meisten Sinn für kürzere Strecken und kleine Fahrzeuge, da diese dank geringem Gewicht und übersichtlicher Reichweiteanforderungen mit verhältnismässig kleinen Batterien auskommen.
  • Plug-in-Hybride machen Sinn für Fahrzeuge, die überwiegend auf Kurz- und Mittelstrecken eingesetzt werden, und für deren Anwendung es wichtig ist, lokal absolut emissionsfrei unterwegs zu sein (zum Beispiel in Innenstädten).
  • Hocheffiziente Diesel mit Mild-Hybridisierung (48V-Systeme) sind bis auf Weiteres die unschlagbare Technologie auf Langstrecken und bei hohen Kilometerleistungen.
  • Brennstoffzellenfahrzeuge können längerfristig sowohl Plug-in-Hybride als auch Verbrennungsmotoren für Langstrecken ablösen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass entsprechend in die Wasserstoff-Infrastruktur investiert wird.
  • Für das Gros der bereits gebauten und sich im Verkehr befindenden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor (also die installierte Basis) kommen derweil synthetische Kraftstoffe als CO2-senkende Massnahme infrage, insbesondere wenn diese aus erneuerbaren Energien (Solar, Wind, Wasserkraft) hergestellt werden.

Feintool hat sich im Laufe des Jahres 2018 dahingehend aufgestellt, all diese Antriebstechnologien mit Komponenten beliefern zu können. Neben den bekannten Feinschneid- und Umformteilen für verbrennungsmotorische und Hybrid-Antriebe lag der Fokus darauf, Komponenten für die elektrischen Antriebe, welche sowohl in Hybrid- als auch in batterie- und brennstoffzellenelektrischen Fahrzeugen verbaut werden, liefern zu können. Zwei Schritte stechen dabei heraus: Mit der Akquisition des neuen Werkes Feintool System Parts Jessen GmbH verfügt die Gruppe nun über die Kompetenz und Kapazität zur Herstellung von Kernkomponenten (Rotor und Stator) von Elektromotoren und über die richtige Basis für ein weltweites Ausrollen dieser Technologie. Zudem wurde zum Thema Brennstoffzelle 2018 ein Projekt gestartet, dass es uns noch 2019 erlauben wird, einen grossserienreifen Prozess zur Herstellung metallener Bipolarplatten für Brennstoffzellen-Stacks vorzustellen.

Damit wurden die ersten Schritte getan, Feintool-Kunden in Zukunft ein noch breiteres Spektrum an Komponenten für jede der aktuell und in Zukunft relevanten Antriebstechnologien anbieten zu können. Mit dem globalen Netzwerk an Feintool-Standorten wird sich auch dieses Angebot auf alle wesentlichen Produktionsregionen der Automobilindustrie erstrecken.

Autonomes Fahren

Die Entwicklung hin zu autonomen Systemen hat auch 2018 nicht haltgemacht, allerdings hat sie sich regional sehr unterschiedlich entwickelt. Während China mittlerweile im Testbetrieb, etwa in Peking, vereinzelt autonome Fahrzeuge des SAE Levels 4 zulässt, ist die eigentlich noch 2018 erwartete gesetzliche Grundlage für eine generelle Zulassung des ersten Level-3-Systems in Europa aktuell nach wie vor nicht geschaffen.

Ungeachtet dessen werden weltweit die Bemühungen, autonome oder teilautonome Systeme marktreif zu entwickeln, vorangetrieben. Für Feintool ergeben sich daraus noch keine direkten Implikationen im Jahr 2019. Allerdings ist, auch durch die weitere Verbreitung von selbstbremsenden Assistenzsystemen bei Neuwagen, damit zu rechnen, dass auch 2019 der Anteil an Automatikgetrieben in Pkw weiter ansteigen wird, was sich positiv auf das Geschäft von Feintool auswirkt.

Shared Mobility

Nachdem klar ist, dass mit DriveNow und car2go die Shared-Mobility-Anbieter von BMW/Sixt und Daimler fusionieren werden, wird deutlich, dass nicht alle Shared-Mobility-Konzepte bereits profitabel sind. Gleichzeitig wachsen Uber, Lyft und deren chinesisches Pendant Didi ungebremst weiter und sind wesentliche Treiber der Entwicklung autonomer Systeme. Obwohl direkt kein Einfluss auf das Geschäft von Feintool besteht, tragen grosse Kooperationen wie zwischen Uber und Volvo oder Daimler mittlerweile nicht unwesentlich zum Erfolg des entsprechenden Autoherstellers bei. Entsprechend können Feintools Umsätze schwanken, je nachdem, welcher Hersteller grosse Flottenaufträge der Mobility-Anbieter bekommt.

Vernetzung und effiziente Produktion

Die Vernetzung insbesondere der einzelnen Schritte und der dazugehörigen Maschine im Produktionsprozess ist eines der wesentlichen Themen der Digitalisierung der Industrie beziehungsweise der sogenannten Industrie 4.0. Sie verspricht flexiblere und dabei effizientere Abläufe als die heutigen Standards. Feintool trägt dem mit der neuesten Generation von Feinschneidpressen Rechnung, sowohl für die Automobil- als auch für andere Industrien. Die neuste hydraulische Pressengeneration „FB one“ ist flexibel mit der Produktion vernetzbar und schafft bereits die Voraussetzungen, um in Zukunft smarte Werkzeuge aufnehmen zu können, die sich zum Beispiel selbst in der Toleranz überwachen.

Andere Märkte

Gerade im Hinblick auf die für Feintool neue Technologie des Elektroblechstanzens, für die Produktion von Elektromotor-Rotoren und -Statoren, sind auch andere Abnehmermärkte neben der Automobilindustrie von grosser Bedeutung für die Jahre 2019 und folgende.

Im Fokus der Medien steht heute die Elektrifizierung der Mobilität. Tatsache ist, dass die ganze Gesellschaft elektrifiziert wird. In der Industrie nimmt die Automatisierung mit Robotern rasant zu. Bis zum Ende des Jahres 2020 wird es weltweit mehr als zwei Millionen Industrieroboter geben. Gabelstapler werden zunehmend elek­trisch betrieben, um die Produktionshallen abgasfrei zu halten. Moderne Häuser haben elektrische Tore, Roll­läden und Jalousien. Das Internet der Dinge verlangt nach fernsteuerbaren Aktuatoren, von der Kaffeemaschine bis hin zum Katzentürchen – alle mit elektrischen Motoren. Wo Elektrizität aus Windkraft gewonnen wird, schwenken grosse Elektromotoren die Windräder in den Wind und elektrische Transformatoren speisen den gewonnenen Strom ins Netz ein. All diese Märkte bedient Feintool – aktuell aus dem Werk in Jessen, in Zukunft global.

Ausblick

Für Feintool stellt sich aus dem beschriebenen Marktumfeld der Automobilindustrie die Situation heute komplexer dar als noch vor wenigen Jahren. Sie eröffnet jedoch auch in Zukunft deutliche Vorteile für die heute ­technologisch und global breit aufgestellte Feintool-Gruppe. In den vergangenen Jahren wurden wesentliche strategische Entscheidungen getroffen und damit einhergehende hohe Investitionen getätigt, um dem Wandel in der Automobilindustrie erfolgreich zu begegnen. Zusätzlich bieten sich aus diesen Investitionen Potenziale in Industrie, Energie und anderen Abnehmerbranchen. Feintool blickt daher weiterhin zuversichtlich in die Zukunft.